Das geruchliche Zeitgefühl der Hunde: wie man Trails rückwärts rekonstruiert

Das Problem der Rekonstruktion eines Trails vom Ziel zum Start

Vor Wochen rief mich ein befreundeter Mantrail-Kollege an und erzählte mir voller Verwunderung, dass ganz in meiner Nähe eine Rettungshundestaffel behauptet, sie können Trails vom Fundort aus zurückverfolgen. Er verwies mich auf eine entsprechende Fundstelle im Netz. Und tatsächlich: Auf Seite 11 einer Präsentation der DLRG Rettungshunde Starnberg fand sich in einer Auflistung der Fähigkeiten der Staffel der Punkt „Spurenzurückverfolgung vom Fundort.“.

Klar war auf Anhieb, dass die Staffel sicherlich nicht einen Hund darauf trainiert hatte, eine immer älter werdende Spur zu verfolgen: vom Ziel zum Start. Abgesehen von der Tatsache, dass es wohl sehr schwierig sein dürfte, einem Hund entgegen seiner natürlichen Neigung beizubringen, eine Spur in entgegengesetzter Richtung vom Ziel zum Start zu erarbeiten; es wäre auch wenig effektiv, für eine solche Nischenfähigkeit extra einen Hund auszubilden. Es musste also eine Vorgehensweise mit einem üblichen Mantrailer sein. Mein Interesse war geweckt und auf Nachfrage erläuterte mir Rovena Langkau und Alexandra Grunow die näheren Hintergründe und Details.

Dreh- und Angelpukt des Folgenden ist die Tatsache, dass unsere Hunde Geruchsinformationen in einen zeitlichen Zusammenhang stellen können. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Nur so kann der Hund die Laufrichtung eines Trails feststellen, wie im Jahre 2005 im bekannten „Teppichbodenplattenexperiment“ nachgewiesen wurde („How Many Footsteps Do Dogs Need to Determine the
Direction of an Odour Trail?“, Chemical Senses, 2005)
. Die Fähigkeiten von Mantrailern, die extra darauf trainiert wurden, Gerüche anhand ihres Alters zu differenzieren, scheinen bei näherer Betrachtung jedoch weit darüber hinaus zu gehen. Ist man sich dieser Möglichkeiten erst einmal bewusst, so ergeben sich interessante Anwendungsmöglickeiten im Mantrailing, auf die ich im Folgenden eingehe. In jedem Fall sind Rovena und Alex hier auf ein sehr interessantes Phänomen gestoßen. Auch dazu später mehr.

Zunächst einmal zurück zum Problem, wie man grundsätzlich einen Trail rückwärts vom Fundort der Person zurückverfolgt: Die Lösung ist scheinbar sehr einfach, wenn man Teilstücke des Trails in Richtung des Ziels Stück für Stück erarbeitet. Falsche Richtungen werden durch die Negativanzeige des Hundes ausgeschlossen. Das Verfahren ist im erfolgreichen Praxisbeispiel in ihrem Buch „Spurensuche“ in Kapitel 6 genauer beschrieben. Das Prinzip ist im folgenden Bild erläutert:

Eine Person wurde am Punkt A aufgefunden und man möchte wissen, welchen Weg die Person zu Punkt A genommen hat. Man wählt eine der vier Straßen aus, die zu Punkt A führen und setzt an der vorherigen Kreuzung an. Wählt man beispielsweise die Kreuzung B so trailt der Hund den Weg zurück zu Punkt A. Auf diese Weise hat man das erste Teilstück rekonstruiert. Will man den Weg weiter zurück verfolgen, so muss man nun die nächsten Straßen, die auf den Punkt B zuführen, austesten. Setzt man den Hund an den Punkten 1 und 2 an, so würde der Hund einen Negativ zeigen; am Punkt 3 dagegen trailt der Hund auf Punkt B zu. Demnach muss also die Person aus dieser Richtung auf Punkt B zugelaufen sein. Auf diese Weise kann man Stück für Stück einen Trail quasi rückwärts rekonstruieren. Und zwar so, dass man die normalen Fähigkeiten eines Mantrailers nutzen kann.

 
 

Das Problem der Kontamination durch ältere Trails

Dieses Verfahren ist gut vorstellbar in einer Gegend, in der die gesuchte Person zuvor nie war und daher nur ein einziger Trail vom Hund aufgefunden werden kann. Was aber wird passieren, wenn Trails in einem kontaminierten Gebiet rekonstruiert werden sollen. Was, wenn ein Trail im Lebensbereich einer Person rekonstruiert werden soll? Stößt das Verfahren in solchen Szenarien an seine Grenzen?

Im folgenden Schaubild ist die Kontamination durch die blassblaue Farbe dargestellt. Würde man nun den Hund an Punkt 1 ansetzen, so liegt die Vermutung nahe, dass der Hund einen älteren Trail in Richtung des grünen Pfeils aufnimmt. In dem Moment wäre unklar, ob der Hund nur ein weiteres Teilstück des gesuchten Trails, oder aber einen völlig anderen Trail der gleichen Person aus einem gänzlich anderen Zeitraum (vor einigen Tagen) aufgenommen hat.

Ein odorologisches Zeitgefühl

In der Praxis hat sich dies jedoch weit weniger als Problem herausgestellt als man eigentlich annehmen müsste. Rovena beschreibt Ihre Erfahrung wie folgt: „Wir hatten auf mehreren Einsätzen die Erfahrung gemacht, dass der Hund, der zuerst schon auf dem frischesten Teilstück angesetzt wurde (z.B. am letzten Verschwindepunkt) „hinten“ beim Überprüfen auf der älteren Spur dann nicht läuft. Jedenfalls merkt man den Unterschied deutlich. Die Hunde speichern quasi die Zeit.“. Mit anderen Worten: Wenn der Hund bereits auf einem relativ frischen Teilstück des Trails gearbeitet hat und nun auf einem völlig anderen, wesentlich älteren Trail der gleichen Person angesetzt wird, dann zeigt der Hund deutlich, dass dieses Puzzlestück geruchlich nicht zum Gesamtbild passt. Der Hund zeigt im Idealfall einen Negativ. Und dies obwohl auf dem Teilstück ein für den Hund deutlich wahrnehmbarer Alttrail der gleichen Person vorliegt. Es liegt also die Vermutung nahe, dass der Hund nicht nur zwischen alt und neu differenziert, sondern anhand der deutlichen zeitlichen Unterschiede ein Gefühl dafür entwickeln kann, ob eine Altspur ihn dennoch zum Ziel führt, oder die Verfolgung dieses alten Trails nicht zielführend ist. Auf das vorherige Schaubild bezogen bedeutet das: Wenn der Hund bereits das frische Teilstück von B nach A gearbeitet hat, dann zeigt er beim Neuansatz am Punkt 1 und 2 im Ideafall einen Negativ und folgt jedenfalls nicht dem sich dort befindlichen alten Trail. Für die Trailrekonstruktion bedeutet das, dass eine Kontamination des Suchgebietes mit anderen Trails (soweit der zeitliche Unterschied hinreichend deutlich ist) keine grundsätzliche Problematik darstellt. Der Hund geht augenscheinlich deutlich intelligenter und zielgerichteter mit dem unterschiedlichen Alter von Gerüchen in der Geruchsdifferenzierung vor, als wir das vielleicht zunächst annehmen würden.

Versuch: Zeigt der Hund wirklich einen Negativ auf einem vorhandenen Altgeruch?

An dieser Stelle muss deutlich gemacht werden, dass es sich hier um keine wissenschaftlich erwiesene Tatsache handelt (wie so vieles im Mantrailing). Aber wir können einen Effekt beobachten, den wir selber in eigenen Trainings reproduzieren konnten und der sich auch mit ähnlichen Beobachtungen deckt, die zunächst nichts mit Mantrailing zu tun haben. Hierzu haben wir im Folgenden unseren Bloodhound „Beaux“ in einem Szenario arbeiten lassen, dass diesen Effekt deutlich macht (verdeutlicht im folgenden Schaubild):

Screenshot_2015-09-04-14-03-39

Am Abend zuvor hat unser Runner (hier hat uns unser Freund Denis geholfen) den folgenden Trail von Punkt A über Punkt B im Bogen über Punkt C und zurück zu Punkt A gelegt (blaue Linie). Ungefähr 16 Stunden später hat er einen frischen Trail von Punkt A zu Punkt D gelegt und sich dort versteckt (rote Linie). Am Tag des Versuchs hatten wir stetigen leichten Wind von Osten nach Westen.
Um sicher zu sein, dass unser Hund grundsätzlich den 16 Stunden alten Trail noch arbeiten kann und dieser Trail nicht aufgrund anderer Einflüsse unbrauchbar ist, haben wir zunächst unseren Hund ein Teilstück arbeiten lassen. Wie man auf dem folgenden Video sieht, hat Beaux nach kurzem Überprüfen der Hauptrichtung den circa 150 Meter langen Trail korrekt von C nach A abgearbeitet. Der Alte Trail war also noch deutlich genug, um vom Hund abgearbeitet zu werden.

Anschließend haben wir Beaux circa 50 Meter den frischen Trail von A nach D arbeiten lassen, und dann 150 Meter vor der Versteckperson aus der Arbeit genommen.

Damit hatte der Hund also ein gutes Teilstück des frischen Trails gearbeitet. Er hatte damit alle nötigen geruchlichen Informationen über den frischesten Trail. Würde man ihn nun auf einem weiteren Teilstück des 16 Stunden alten Trails ansetzen, so müsste er nun auf dem alten Teilstück nicht mehr zielgerichtet arbeiten, damit die oben getroffenen Aussagen und Beobachtungen bestätigt werden. Und tatsächlich! Wie man auf dem folgenden Video sieht, folgt Beaux dem alten Trail nicht mehr, als sie an Punkt B angesetzt wurde. Dies obwohl Beaux nur wenige Minuten zuvor noch sehr zielgerichtet auf eben diesem alten Trail (aber an einer anderen Stelle – siehe erstes Video) gearbeitet hat. Und dies obwohl der Hund zunächst in die korrekte Richtung (nach links) arbeitete. (Dass Beaux anschließend noch in Richtung des Jägerstands lief war wohl dem erfolglosen Versuch, ein bekanntest Versteck zu prüfen, geschuldet.)

Um zu zeigen, dass der Hund dennoch sehr wohl seinen Job verstanden hat und auch ohne weitere Geruchsaufnahme noch in der Lage ist auf dem frischen Trail den Job zu beenden, haben wir unseren Bloodhound schließlich noch einmal auf dem frischen letzten Stück (hinter Punkt D) angesetzt und die Versteckperson finden lassen. (Man meint fast aus der Motivation des Hundes ablesen zu können, wie froh sie ist, wieder im geruchlich wahrscheinlichen Zielbereich zu arbeiten. Und fast lege ich mich dabei auch noch lang!)

Fazit: Der Hund scheint demnach in der Lage zu sein nicht nur Teile eines Trails aufgrund ihres geruchlichen Alters in einen zeitlichen Zusammenhang zu setzen, sondern der Hund ist obendrein bis zu einem (nicht näher eingegrenzten Rahmen) in der Lage zu bewerten, ob ein altes Trailstück zu der gestellten Aufgabe (des frischesten Teilstücks) passt. Letztendlich ist es genau das, was unsere Hunde täglich im Training lernen, wenn sie in kontaminiertem Gelände permanent zwischen altem und frischem Geruch differenzieren müssen.

Anwendung in der Praxis

Diese Beobachtung kann an vielen Stellen im Mantrailing genutzt werden. „Wir nutzen dieses ausgeprägte Potential unserer Hunde, Geruch in zeitlicher Hinsicht zu differenzieren, gerade bei sehr langen Trails.“, erläutert Alex eine der häufigen Anwendungen. Sie führt weiter aus: „Wenn wir beispielsweise bei der Suche nach einem Fahrradfahrer damit rechnen müssen, lange Strecken zu überbrücken, dann prüfen wir Kreuzung für Kreuzung den Weg des Gesuchten. So können wir Ressourcen schonen, schnell Strecke machen und laufen nicht übermäßig Gefahr, einem Alttrail zu folgen.“.

Des weiteren hat man die Chance, wie bereits von Rovena beschrieben, Trails rückwärts rekonstruieren. Dabei betont Rovena zu Recht, dass dies nicht immer und auch nicht unbedingt in voller Länge eines Trails möglich ist und stark vom Gelände und den weiteren Gegebenheiten abhängt. Aber es ist zumindest ein interessantes Anwendungsfeld, das grundsätzlich funktioniert und unter Umständen weitere Erkenntnisse über die zu untersuchende Situation offenbaren kann.

Zudem ist diese Beobachtung auch wichtig, wenn es darum geht, den Trail an einer Stelle wieder aufzunehmen, an der der Hund dem Trail nicht mehr selbständig folgen kann. Wenn zum Beispiel der Hund bis zu einem großen Gebäudekomplex gearbeitet hat, die Versteckperson in das Gebäude gegangen ist und 150 Meter weiter an einer unbekannten Stelle das Gebäude wieder verlassen hat, dann kann der Hund mit guter Erfolgswahrscheinlichkeit an mehreren Punkten um das Gebäude herum angesetzt werden, bis man den richtigen Punkt findet, an dem der Hund den Trail wieder aufnehmen kann. Die Gefahr, dass der Hund in einem stark kontaminierten Gelände einen falschen alten Trail aufnimmt ist nach den obigen Feststellungen weitaus geringer, als man zunächst annehmen würde. Eine wichtige Erkenntnis, denn Trails verlaufen oftmals so, dass der Hund den Trail nicht alleine lösen kann, sondern vielmehr stark auf die strategische Unterstützung und Taktik des Hundeführers angewiesen ist.

„Die Fähigkeiten unserer Hunde werden viel zu oft unterschätzt und damit Möglichkeiten im Einsatz übersehen. Im Grunde muss jedes Team, dass mit seinem Mantrailer in den Einsatz geht, diese Fähigkeit seines Hundes kennen.“, erläutert Alex. Sie betont zudem aber auch, dass nicht alle Hunde dies immer so deutlich zeigen. Gerade Hunde, die dazu neigen, auch mal gerne mit dem Hochwind zu arbeiten, müssten daher in hinreichend großem Abstand zum bekannten Trail angesetzt werden, um zu verhindern, dass der Hund mit Restgeruch sich wieder an den Trail heranarbeitet. Auch hätte sie bei einigen Hunden festgestellt, dass sie aus der Erinnerung wieder auf das Teilstück zuarbeiten, wo sie zuletzt im Geruch wahrgenommen hatten.

Der Geruch: Ein indirekter Zeitmesser für den Hund

Zu guter Letzt sei hier noch auf ein interessantes Video der BBC verwiesen. Dort hat man in einem Versuch gezeigt, dass Hunde möglicherweise anhand des Geruchslevels in der Wohnung erahnen können, wann es Zeit ist, dass Ihr Herrchen wieder nach Hause kommt. Auch diese Beobachtung deckt sich verblüffend mit unseren Beobachtungen bei der Geruchsdifferenzierung von Trails unterschiedlichen Alters. Und hier das Video: „Können Hunde die Zeit riechen?“