Die Sache mit dem Lesen des Hundes

Den Hund lesen lernen ist Teil der Hundeführerausbildung

Wer mit dem Trailen beginnt, will schnell lernen, seinen Hund zu lesen und nicht wie ein Bremsklotz hinter seinem Hund hängen. Die beste Gelegenheit die typischen Körpersignale des Hundes zu studieren besteht, indem man erfahrene Teams beim Training beobachtet. Darum ist es unserer Ansicht nach so essentiell für Anfänger, in Gruppen zu lernen, bei denen sie ausgebildeten Teams bei der Arbeit zusehen können. Und es ist mir bis heute unbegreiflich, warum Leute teures Geld für Seminare zahlen, dann aber am Auto sitzen und quatschen und sich die Gelegenheit entgehen lassen, erfahrenen Teams bei der Arbeit zuzusehen. Nirgends kann man die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Rassen besser kennen lernen.

Kurz: Das Lesen des Hundes auf dem Trail ist eine wichtige Fertigkeit, die man im Mantrailing beherrschen sollte. Man sollte wissen, wie ein ratloser Hund aussieht, der im Negativ arbeitet. Man kann sehen, wie sich seine Körperspannung ändert, wenn er Geruch verfolgt. Die ansteigende Erregungskurve, wenn er kurz vor dem Ziel ist, hat in den USA sogar einen eigenen Namen bekommen, den „Proximity Alert“. Manchmal kann man am Hund im Zielbereich sogar erkennen, ob die Person hoch versteckt wurde und vieles mehr. Einen guten Ausbilder erkennt man daher u.a. daran, dass er Anfänger auf körpersprachliche Signale des arbeitenden Hundes aufmerksam macht. Videofilme sind hier ebenfalls enorm hilfreich.

Die Interpretation des Hundes

Davon abzugrenzen ist die korrekte Interpretation des Hundeverhaltens. Obwohl ich am Hund ein bestimmtes typisches Verhalten erkenne, wird meine Interpretation und der Rückschluss auf die aktuelle Suchlage oft meilenweit daneben liegen:

Meiner Frau Heike hatte ich die Aufgabe gestellt, an einem bestimmten Punkt mit ihrem Hund Champ einen Negativ zu arbeiten. Ich hatte sie in diese Aufgabenstellung eingeweiht. Wie erwartet zeigt der Hund alle Anzeichen eines Negativs: Gähnen, Lecken, Blick zum Hundeführer, leichtes Winseln und ratloses Umhersuchen. Heike wollte bereits die erfolgreiche Übung mit einem Lob für Champ beenden, als dieser plötzlich die Nase herum riss, eine 90 Grad Wende einlegte und so kräftig auf eine in der Nähe stehende Frau zusteuerte, dass Heike alle Kräfte aufbringen musste, um Champ zu stoppen und aus der Arbeit zu nehmen. Als dann auch noch zufällig hinter der Frau eine Katze das Weite suchte, stand Heike der Ärger über die vergeigte Übung und die Unkonzentriertheit ihres Hundes deutlich im Gesicht.

Leider hatte sie zwar ihren Hund richtig gelesen, aber völlig falsch interpretiert. Das Interesse des Hundes hatte nicht der Katze, sondern der plötzlich aufgetauchten jungen Frau gegolten. Und obwohl die vermeintliche Aufgabenstellung ein Negativ war, steuerte ihr Hund völlig zu Recht auf die Frau als Zielperson zu. Sie war eine hilfsbereite Zuschauerin, die an dieser Stelle zuvor nie war. Ihr Geruch war auf dem Geruchsträger, den Champ beim Start erhalten hatte. Wir hatten sie unerkannt im verschlossenen Auto während der Übung in das Geschehen eingebracht. Nun hatte der Hund in dem anfänglichen Negativ plötzlich ein klares Ziel vor der Nase. Die Interpretation des Hundeführers war durch seine Annahmen über die Gesamtsituation falsch. Nicht der Hund sondern der Hundeführer hatte einen Fehler gemacht: er hatte seine Interpretation über die Fähigkeiten seines Hundes gestellt.

Dies war zugegebenermaßen eine sehr künstliche Situation, zeigt aber, dass in unbekannten Lagen die Richtigkeit unsere Annahmen nur einer gewissen Wahrscheinlichkeit unterliegen. Sie können ebenso gut falsch sein.


Randbemerkung: Die zuvor beschriebene Aufgabe sollte nur dann einem Team gestellt werden, wenn der Hund fertig ausgebildet ist und die Fehler seines Hundeführers gut verzeihen kann, ohne nachhaltig irritiert zu werden. Es handelt sich hierbei um eine Übung, die in erster Linie die Fähigkeiten des Hundeführers schulen soll. Er soll lernen, neutral seinen Hund zu lesen und nicht unbedacht Einfluss zu nehmen. Für Hunde, die noch mitten in der Ausbildung stehen, ist diese Übung ungeeignet und kontraproduktiv. Zudem sollte ein sehr starkes Vertrauensverhältnis zwischen Trainer und Schüler bestehen. Die Fehlinformation zur Suchlage darf nicht dazu führen, dass zukünftig alle Informationen des Trainers in Frage gestellt werden. Der Trainer sollte sich also sicher sein, dass der Hundeführer über die notwendige Stressresistenz verfügt, um wirklich aus der Übung lernen zu können. Gegebenenfalls wandelt man diese Übung so um, dass der Hundeführer keine Information bekommt. Allerdings ist der Lerneffekt dann nur noch gering.

Die Grenzen des Lesen des Hundes

Die oben beschriebene Situation zeigt sehr anschaulich, dass die Möglichkeit, den Hund zu lesen dort endet, wo die Interpretation ins Spiel kommt. Wir können wahrnehmen, dass der Hund Interesse für einen Geruch auf dem Trail entwickelt. Die Schlussfolgerung aber, dass der Hund den richtigen (oder wie im Fall oben den vermeintlich falschen) Geruch verfolgt ist bereits eine Interpretation. Diese kann fehlerhaft sein. Wir haben nie alle Informationen über die Gesamtsituation. Es sei denn, wir haben den Trail selbst gelegt. Sehr deutlich wird dies bei der Interpretation des Negativverhaltens, wenn der Hund auf dem Trail plötzlich nicht mehr vom Fleck kommt. Wer hier darauf tippt, dass die Person an der nahegelegenen Haltestelle in den Bus eingestiegen ist, der übersieht die vielen weiteren Möglichkeiten. Die Person könnte noch in der Nähe sein (zum Beispiel auf dem unerreichbaren Balkon im 3. Stock). Möglich ist, dass die gesuchte Person nie am Endpunkt war, weil der Geruchsträger kontaminiert ist und der Hund einen anderen Geruch verfolgt hat oder der mitlaufende Trainer seinen Geruch zur Verfügung gestellt hatte (siehe Artikel spannende Trailvarianten).

Richtig Lesen bedeutet wahrnehmen aber nicht mehr

Den Hund korrekt lesen und daraus die richtigen Entscheidungen treffen bedeutet für uns daher das Verhalten des Hundes wahrnehmen, im Hinterkopf abspeichern aber nicht übermäßig interpretieren. Wichtig ist stets offen zu bleiben für weitere Möglichkeiten. Erst wenn man in eine Sackgasse gerät, die zu keinem weiteren Suchergebnis führt, kann man beginnen, das Verhalten des Hundes in der Gesamtschau zu interpretieren. Dann macht gegebenenfalls eine Korrektur oder ein Neuansatz Sinn.
Was am Ende auf dem Trail wirklich im Schädel des Hundes vor sich geht, wird uns immer verborgen bleiben.

Das Ergebnis der Übung

Heike freut sich übrigens sehr, dass ich regelmäßig für sie so ausgefallene Situationen plane. Dennoch hatte mein Abendessen an dem Tag eine gewisse ungewöhnliche Schärfe, die ich sonst nicht kenne. Wir haben das dann zusammen mit einem Bier herunter gespült. 😉