Scent Specific Trailing Search Dogs

Noch eine Suchmethode. Wofür soll das gut sein?

„Irgendwo auf einer Bergwiese zwischen Filisur und Davos!“, genauer kann sich der ortsunkundige Wanderer beim besten Willen nicht mehr erinnern, wo er die nun seit 6 Stunden vermisste Person zufällig gesehen haben will. Ein Blick auf die Karte schränkt den möglichen „Point Last Seen“ (also den Punkt, an dem eine vermisste Person zuletzt gesehen wurde) auf zwei Bergwiesen ein. Diese liegen jedoch ca. 10 km voneinander entfernt und sind mit einer Ausdehnung von mehreren Fußballfeldern ausgesprochen weitläufig.
Vor Ort ergibt eine Flächensuche im Nahbereich kein Ergebnis. Für die dahinter liegenden Waldflächen stehen nicht ausreichend Flächenhunde zur Verfügung. Der Ansatz eines Mantrailers ist mangels genauem Ansatzpunkt nicht möglich. Selbst das sogenannte Casten des Ansatzpunktes mit einem Mantrailer erscheint aufgrund der Größe der beiden abzusuchenden Flächen wenig erfolgversprechend.
Für dieses nicht ungewöhliche Szenario hält die National Search And Rescue Dog Association (NSARDA) auf den Britischen Inseln spezielle „Scent Specific Trailing Search Dogs“ vor.
Die NSARDA feiert dieses Jahr ihr 50jähriges Bestehen. Einer der erfahrensten Ausbilder der NSARDA, Tom Middlemas, erläuterte uns Details über diese Art von Rettungshunden, die bereits erstaunliche Erfolge vorzuweisen haben. Allein 14 Funde in 200 Einsätzen ist für einen Rettungshund eine großartige Leistung.

Flächenhund oder Mantrailer?

Auf der Seite der NSARDA sucht man in der Rubrik „Search Dogs“ nach Mantrailern vergeblich. Vielmehr werden dort die „Scent Specific Trailing Search Dogs“ (geruchsspezifisch trailende Hunde) genannt. Auf den ersten Blick erscheint einem diese Bezeichnung als ein weißer Schimmel. Denn mit Individualgeruch „Scent Specific“ arbeiten eigentlich alle bekannten Trailer. Unsere erste Frage war, ob es sich hier mehr um Flächenhunde handelt, die mit Airscent nach Individualgeruch suchen oder ob es sich dabei um Mantrailer handelt, die auch als Flächenhunde eingesetzt werden können.
Tom erklärt dazu: „These dogs are man trailers who can find a trail without a definite start point. They will find and indicate where the person has been and then can trail from that point.“ (Diese Hunde sind normale Mantrailer, die aber gelernt haben, einen Trail zu finden ohne definitiven Startpunkt). Er führt weiter aus, dass der einzige Unterschied zum klassischen Mantrailer darin besteht, dass der geruchsspezifisch trailende Hund keinen eindeutigen Abgangspunkt benötigt um die Suche aufzunehmen, sondern sich diesen Abgangspunkt selbstständig erarbeiten und eindeutig anzeigen kann. Hierzu wird der Hund ohne Geschirr mit dem Individualgeruch der zu suchenden Person gestartet. Der Hund arbeitet selbstständig das Gebiet ab und zeigt mit einem eindeutigen Verhalten (Bellen oder Ablegen) einen zum Referenzgeruch passenden Trail an. Ab diesem Punkt wird der Hund dann ans Geschirr genommen und arbeitet den weiteren Trail zusammen mit dem Hundeführer wie der klassische Mantrailer aus.
Damit wird auch klar, dass der Hund nicht wie teilweise angenommen wird, den Trail frei, also ohne Leine, erarbeitet. Kurz: Toms Hunde sind keine geruchsdifferenzierenden Flächenhunde.

Kontamination als limitierender Faktor?

In nicht kontaminierten Suchgebieten ist diese Art der Suche nach einem Abgangspunkt gut vorstellbar. Interessant wird es aber, wenn es sich um ein kontaminiertes Suchgebiet handelt. Was ist, wenn viele alte und neue Trails übereinander liegen und möglicherweise einen ganzen Scentpool bilden?
Nach Toms Auskunft sind auch hier die Hunde in der Lage zuverlässig den Abgangspunkt zu identifizieren. „All our dogs are taught to always take the freshest scent even though they may start on older they will switch to fresher scent. This is part of our assessment.“ (Alle unsere Hunde haben gelernt, stets den frischesten Geruch zu verfolgen. Selbst wenn sie auf einem älteren Geruch starten, wechseln Sie auf den frischeren Trail.), erklärt er die Arbeitsweise seiner Hunde. Er führt weiter aus, dass die Hunde in der Ausbildung im Suchgebiet mehrere Geruchsträger mit unterschiedlichem Alter angeboten bekommen und lernen, stets den frischesten Scent auszuwählen und anzuzeigen.

Negativanzeige ohne Unterschiede

Bezüglich der Negativanzeige ergeben sich trotz der unterschiedlichen Arbeitsweise nach Toms Auskunft wenig Unterschiede zu anderen Mantrailern: „Our dogs show a negative by their body language and by just mooching about after covering the area.“ (Unsere Hunde zeigen einen Negativ ausschließlich durch Ihre Körpersprache (herumlungern) an, nachdem Sie die Umgebung abgesucht haben.), erklärt Tom und führt weiter aus, dass er wenig davon hält, dem Hund ein bestimmtes Negativverhalten (z.B. Anspringen des Hundeführers) zu trainieren. Dies habe zu viele falsche Negativanzeigen produziert; er vermutet, die Hunde hätten die Tendenz, dem Hundeführer zu schnell mit einer Negativanzeige zu gefallen. Dies deckt sich mit unseren Erfahrungen, dass bei Mantrailern die starke Tendenz besteht, eine trainierte Negativanzeige in geruchlich komplexen Situationen als Exit zu nutzen. Soweit Tom einen Negativ in einem begrenzten Bereich arbeiten möchte, nimmt er seinen Hund wie im klassischen Mantrailing im Geschirr an die Leine und arbeitet den fraglichen Bereich ab.

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Keine Individualgeruchsstöberer?

Ein Hund der gelernt hat, nach einem bestimmten vorhandenen Individualgeruch zu suchen und das auch noch großflächig, ist nach einigen Ausbildungsschienen ein klares No-Go. Despektierlich werden diese Hunde zuweilen als Indvidualgeruchsstöberer bezeichnet. Dahinter liegt der Gedanke, dass ein gut ausgebildeter Mantrailer gerade nicht großflächig nach Scent suchen soll, wenn er keinen findet, beziehungsweise diesen verliert. Gerade in Situationen, wo der Hund einen Pickup bis zum Ende erarbeitet hat ist es ja gerade erwünscht, dass der Mantrailer das Ende des Trails durch sein Verhalten kennzeichnet, indem er sich aus diesem Zielbereich nicht mehr fortbewegt. Würde er statt dessen in diesen Situationen beginnen, großflächig zu arbeiten, um weiteren frischeren Scent zu finden, wäre ein Pickup oder Negativ nicht mehr zu erkennen und damit eine wesentliche Information auf dem Trail verloren.
Was bedeutet das für Hunde, denen in ihrer Startsequenz gerade diese großflächige Suche nach dem Trail antrainiert wurde? Greifen sie auf diese Arbeitsweise in Situationen wie dem Pickup, dem Negativ oder einfach einem verlorenen Trail zurück, mit allen negativen Konsequenzen?
Tom hat hier eine klare Antwort: „That does not happen. When the dog is on the line, our dogs are taught to pull when they are correct. And immediately when they lose the scent you get a slack line so they stop immediately and go back to a point where the scent was. We never allow our dogs to hunt for trail on their trailing harness so the opportunity for a scenario as you describe is negligible.“ (Das passiert nicht. Bei der Arbeit an der Leine hat der Hund gelernt, zu ziehen, wenn er richtig ist. Verlieren sie jedoch den Trail hat man unmittelbar eine schlaffe Leine und die Hunde bremsen ab und kehren zu dem Punkt zurück, an dem sie den Geruch verloren hatten. Wir erlauben unseren Hunden nie im Geschirr nach dem Trail zu stöbern [„Hunting for the Trail“]. Die beschriebene Problematik stellt sich damit nicht.). Demnach hat er die Erfahrung gemacht, dass die Hunde sehr gut in der jeweiligen Situation umschalten können. Ohne Leine können seine Hunde nach dem Trailstart suchen, wohingegen in der Arbeit am Geschirr die Hunde gelernt hätten ein „hunting for the trail“ zu unterlassen und vielmehr spurgenau zu arbeiten.
Um genau diese Problematik abzufangen, hätten Sie ein entsprechendes Trainings- und Testverfahren entwickelt.

Trainings- und Testverfahren für Scent Specific Trailing Search Dogs

Nicht unerwähnt bleiben sollte, dass Tom Middlemas und Iain Nicholson für die NSARDA ein inzwischen 37 DIN A4 Seiten starkes Trainingshandbuch in Englisch und in Deutsch entwickelt haben. Hier wird in insgesamt 11 aufeinander aufbauenden Stufen ihr erfolgreiches Trainingsschema mit den damit verbundenen Testszenarien erläutert. Wir hatten die Gelegenheit, dieses Handbuch zu lesen und sind beeindruckt von dem strukturierten und logischen Aufbau des Trainings. Es verspricht, diese spezielle Arbeitsweise mit einem durchschnittlich veranlagten Hund in circa 6 Monaten erfolgreich zu trainieren.

Proof of concept

Die entsprechenden Erfolge kann die NSARDA inzwischen vorweisen. Dort ist diese erweiterte Suchtechnik gängige Praxis. Wir sind sehr gespannt darauf Hunde, die erfolgreich nach dieser Technik ausgebildet wurden, live arbeiten zu sehen um uns von der sehr logisch klingenden Theorie in der Praxis überzeugen zu können. Wir werden berichten…